Anthony Braxton Diamond Curtain Wall Trio
Anthony Braxton entzieht sich der üblichen Buchungs-Praxis: Hat er mit einem seiner Band-Projekte schon viele Konzerte absolviert, sagt er auf Anfrage glatt Nein! selbst wenn er gut bezahlt wird. In diesem Jahr stimmen die Koordinaten für ihn und auch für das Festival: Braxton kommt mit seinem Diamond Curtain Wall Trio, seiner derzeit vielleicht interessantesten Formation. Der 1945 geborene Chicagoer gehört, wenn auch deutlich jünger als Ornette Coleman und Cecil Taylor, mit diesen beiden Heroen in eine Gruppe rastloser Avantgardisten, die nur ihren eigenen Visionen folgen, und denen kommerzielle Versuchungen und Kompromisse offensichtlich gar nicht erst in den Bereich der Wahrnehmung geraten. Im Kopf dieses global gebildeten Musikers kommen multiple Logiken zusammen wie in keinem anderen. In seinen oft mit magischen Zeichnungen und Zahlen- und Buchstaben-Kombinationen betitelten Kompositionen treffen sich größter architektonischer Aufwand der Zwölftonmusik und anderer Bauprinzipien mit einem Interesse an ritueller Bedeutung und vibrationalem Verständnis freier Improvisation.
Aus seinem Mund vernehmen wir so scheinbar unvereinbare Informationen wie: Dies ist ein Versuch, horizontale strukturelle Formungen in einen Vorwärtsraum der Musik zu integrieren und Ich habe immer den Blues gespielt. 1988 schockierte er die Musikwelt mit der Deklaration, alle seine Kompositionen und alle ihre Teile könnten gleichzeitig und in jeder beliebigen Kombination gespielt werden. War nicht so ernst gemeint, möchte man sagen, wenn man Braxtons wundervoll sensible Organisationen der meistens eben doch nicht ganz freien Kollektiv-Improvisationen oder seine aus innerster Kenntnis geborenen Dekonstruktionen von Charlie-Parker-Themen oder seine abgehobenen Paraphrasen (als Pianist!) über Evergreens wie Autumn In New York und These Foolish Things hört. Die andere Seite von Braxtons intellektualistischen Ideen ist seine enorme Könnerschaft als Instrumentalist auf der Flöte und fast allen Klarinetten und Saxophonen unter der Sonne. Disziplin, Energie, Ekstase, Klangfarbenreichtum, wahnsinnige Technik und aufblitzender Humor da ist der mit unzähligen Preisen bedachte Herr Professor dann eben auch der emotionale Fan der ganzen Jazzgeschichte und der ehemalige Jam-Kumpel von so unterschiedlichen Musikern wie Chick Corea, Misha Mengelberg, Archie Shepp und Willem Breuker.
In seinem Diamond Curtain Wall Trio präsentiert Braxton mit dem Kornettisten Taylor Ho Bynum und der Gitarristin Mary Halvorson zwei Aushängeschilder der jungen New Yorker Avantgarde, die mit undogmatisch enthusiastischer Eloquenz eine neue Weltoffenheit zelebriert. Ho Bynum ist neben Rob Mazurek, der im letzten Jahr auf diesem Festival gespielt hat, einer der wichtigsten Schüler von Bill Dixon. Getreu dem Credo des Meisters bläst er auf allem, was Töne erzeugt. Ähnlich radikale Soundvorstellungen verfolgt Mary Halvorson auf ihrer Gitarre: Cluster, Krach und schöne Töne. Ein Bewunderer von Braxton hat dessen Klang-Kosmos mal so beschrieben: Wenn die Musik wirklich die heilende Kraft des Universums ist, dann ist Braxtons Werk eine der am besten ausgestatteten Apotheken des Planeten.
Anthony Braxton | reeds, electronics
Taylor Ho Bynum | cornet, flugelhorn, piccolo trumpet, bass trumpet, trumpbone, mutes and shells
Mary Halvorson | guitar