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40. Deutsches Jazzfestival Frankfurt 2009, 29.-31. Oktober im hr-Sendesaal, Grafik mit Jazzmusiker

oben: Ellery Eskelin, David Liebman, unten links: David Liebman, unten rechts: Jim Black (Bild:  hr-online)

Freitag, 30.10.2009, Beginn 19 Uhr

David Liebman – Ellery Eskelin Quartet feat. Jim Black

Wenn die beiden ihre großen Hörner kreuzen, dann werden diese mitunter zu gefährlichen Schwertern. Aber hier gibt es keine 'tenor battle' im klassischen Sinne. Das zeitgenössische Verständnis von Dave Liebman und Ellery Eskelin hinsichtlich zweier Tenorsaxophone in einem Quartett ist eher mit dem Titel ihrer ersten gemeinsamen CD “Different But The Same” umrissen. “Ich kann den Unterschied zwischen uns beiden eigentlich gar nicht richtig ausdrücken”, sagt Liebman und Eskelin fügt hinzu, dass sie beide darüber gar nicht nachgedacht haben, sie sprechen einfach eine ähnliche Sprache. Das trifft zu, auch wenn Eskelin eher als 'free player' gilt und Liebman eher als 'straightahead player'. Aber genau das ist etwas, was in diesem Quartett verschwimmt und so ungemein zupackend tönt – unabhängig davon, ob die beiden eigene Kompositionen spielen wie etwa Liebmans “Renewal” oder auch Klassiker wie Eric Dolphys “Out There” oder “Gnid” von Tadd Dameron.

So richtig rau und angeschärft wird diese akkordinstrument-freie Band durch den Schlagzeuger Jim Black, der so energiegeladen spielt, als würden durch den imposanten Druck nach vorn (oft sind es auch kollaterale Detonationen) einige vollgepackte Hoch-Regale im Heimwerkermarkt umstürzen. Nicht umsonst hat Black sämtliche musikalischen Stile, vom Garagen-Rock bis zum BigBand-Swing, bereits für sich erforscht. Vor zwei Jahren schon hat Jim Black auf diesem Festival im Trio TYFT des isländischen Gitarristen Hilmar Jenson gezeigt, welche Kräfte er lostreten kann. Und auch im Trio mit Ellery Eskelin und der Akkordeonistin Andrea Parkins ist Black meist das Gravitationszentrum. Dort haben sich Eskelin und Black das erspielt, was man 'blindes Verständnis' nennt.

Dass sich David Liebman mit diesen Musikern umgibt – mit von der Partie ist auch Liebmans langjähriger Bassist Tony Marino – zeugt für seinen offenen Geist. Black und Eskelin sind viel jünger als Liebman. Damals, als Eskelin in den 80ern nach New York kam, war er Schüler von Liebman. Denn David Liebman gilt als 'elder statesman', als nimmermüder Wühler, der auf fast 300 Alben seinen Fingerabdruck hinterlassen und schon Geschichte geschrieben hat. Er spielte mit Elvin Jones, wurde von Miles Davis in dessen Band geholt und kreierte zusammen mit dem Pianisten Richie Beirach die vielzitierte Legende “Lookout Farm”. Sein Quartett “Quest” mit Beirach existiert noch immer. – In Frankfurt agiert Liebman piano-los und mit 'Doppelhorn'. Eskelin und er spielen auf das gleiche Tor. Der Weg, den sie dahin nehmen, unterscheidet sich manchmal. Doch beide spielen 'pressing'.

David Liebman | ts
Ellery Eskelin | ts
Tony Marino | b
Jim Black | dr

 
oben: Kasper Ewalds Exorbitantes Kabinett, unten: Kaspar Ewald (Bild:  hr-online)

Kaspar Ewalds Exorbitantes Kabinett

Er räkelt sich gern in altem Schlossgestühl vor seiner fünfzehnköpfigen Truppe, die er exorbitant nennt und nur dirigiert, wenn’s besonders schwierig wird. Auf seiner letzten Produktion feiert er seine erste Liebe, das Rittertum – was man der Musik nicht unbedingt anhört, aber in den ironischen Ansagen schon beigebracht bekommt. Kaspar Ewald, gerade vierzig geworden, sorgt in den letzten Jahren für den exzentrischen Musik-Export der Schweiz.

Ewald hatte gleich Glück im Leben, denn seine Mutter ist Pianistin und der Vater ein Blockflöte hassender Archäologe, der dem Sohn schon im Kindergartenalter eine Klarinette schenkte und den Unterricht einem Sechzehnjährigen überließ, der auch was von Notenschreiben und Improvisation verstand. Das Talent war erkannt und wurde gefördert bis zum Studium an der Musikakademie und der Jazzschule in Basel. Ein Seminar von Ennio Morricone über Filmmusik war auch dabei. Ewald entwickelte einen unendlichen Appetit auf M U S I K – von James Brown bis Igor Strawinsky, die er als seine größten Einflüsse nennt. Mit siebzehn hatte er sich eine Partitur von Gustav Mahler zu Weihnachten gewünscht; die listige Mutter schenkte ihm stattdessen eine Aufnahme von Strawinskys “Le Sacre du Printemps“, ein “Erweckungs-Erlebnis“, dem er heute noch gelegentlich eine Zugabe widmet: die ziemlich notengetreue Übertragung des Schlusses vom “Sacre“ für sein Orchester, angekündigt als “Kollektivimprovisation“ – es ist ausgerechnet das einzige Stück, in dem überhaupt nicht improvisiert wird.

Aus seinen weltumspannenden Interessen schmiedet Kaspar Ewald eine bizarr unterhaltsame Musik, komplex verschachtelt, rhythmisch vertrackt, mit kontrapunktischen Finessen und stotternden Staccato-Passagen durchsetzt, aber auch schon mal in breiten Klangflächen und mit klaren Assoziationen an die Big-Band-Tradition, alles mit sinfonischer Präzision gespielt, das meiste groovend und mit einem wild entschlossenen Humor über die Rampe geschleudert. Weit mehr als James Brown hört man als Einfluss die gesamte Musikauffassung von Frank Zappa durch (dessen “feurigen Geist“ Ewald durchaus auch schätzt) – stets total unakademisch, obwohl ein ganzes, sonst nur mit E-Musik befasstes Saxophon-Ensemble (ARTE Quartett) in die Band integriert ist. Das französische Chanson “L’homme armé“, das in der Renaissance mehr als dreißigmal als Messen-Cantus Firmus verwendet wurde, Gustav Mahlers “Urlicht“ aus der 2. Sinfonie und ein Schweizer Volkslied sind Orte, dir für die riesigen Reisestrecken von Ewalds Phantasie stehen. Eine vorzügliche Sängerin hat er für solche Zwecke ja auch in der Band, und Steine legt er sich beim Komponieren in voller Absicht in den Weg.

Kaspar Ewald | cond, comp, arr
Regula Schneider | voc, cl
Roland von Flüe | ts, cl
Beat Hofstetter | ss
Sascha Armbruster | as
Andrea Formenti | ts
Beat Kappeler | bs
Lukas Thöni | lead tp
Yannick Barman | tp
Heiner Krause | horn
Bernhard Bamert | tb
Andreas Tschopp | tb
Philip Henzi | p, rhodes
Wolfgang Zwiauer | el-b
Gregor Hilbe | dr

 
links: Anthony Braxton Diamond Curtain Wall Trio, rechts: Anthony Braxton (Bild:  hr-online)

Anthony Braxton Diamond Curtain Wall Trio

Anthony Braxton entzieht sich der üblichen Buchungs-Praxis: Hat er mit einem seiner Band-Projekte schon viele Konzerte absolviert, sagt er auf Anfrage glatt “Nein!“ – selbst wenn er gut bezahlt wird. In diesem Jahr stimmen die Koordinaten für ihn und auch für das Festival: Braxton kommt mit seinem “Diamond Curtain Wall Trio“, seiner derzeit vielleicht interessantesten Formation. Der 1945 geborene Chicagoer gehört, wenn auch deutlich jünger als Ornette Coleman und Cecil Taylor, mit diesen beiden Heroen in eine Gruppe rastloser Avantgardisten, die nur ihren eigenen Visionen folgen, und denen kommerzielle Versuchungen und Kompromisse offensichtlich gar nicht erst in den Bereich der Wahrnehmung geraten. Im Kopf dieses global gebildeten Musikers kommen “multiple Logiken“ zusammen wie in keinem anderen. In seinen oft mit magischen Zeichnungen und Zahlen- und Buchstaben-Kombinationen betitelten “Kompositionen“ treffen sich größter architektonischer Aufwand der Zwölftonmusik und anderer Bauprinzipien mit einem Interesse an ritueller Bedeutung und “vibrationalem Verständnis“ freier Improvisation.

Aus seinem Mund vernehmen wir so scheinbar unvereinbare Informationen wie: „Dies ist ein Versuch, horizontale strukturelle Formungen in einen Vorwärtsraum der Musik zu integrieren“ und „Ich habe immer den Blues gespielt“. 1988 schockierte er die Musikwelt mit der Deklaration, alle seine Kompositionen und alle ihre Teile könnten gleichzeitig und in jeder beliebigen Kombination gespielt werden. War nicht so ernst gemeint, möchte man sagen, wenn man Braxtons wundervoll sensible Organisationen der meistens eben doch nicht ganz freien Kollektiv-Improvisationen oder seine aus innerster Kenntnis geborenen Dekonstruktionen von Charlie-Parker-Themen oder seine abgehobenen Paraphrasen (als Pianist!) über Evergreens wie “Autumn In New York“ und “These Foolish Things“ hört. Die andere Seite von Braxtons “intellektualistischen“ Ideen ist seine enorme Könnerschaft als Instrumentalist auf der Flöte und fast allen Klarinetten und Saxophonen unter der Sonne. Disziplin, Energie, Ekstase, Klangfarbenreichtum, wahnsinnige Technik und aufblitzender Humor – da ist der mit unzähligen Preisen bedachte Herr Professor dann eben auch der emotionale Fan der ganzen Jazzgeschichte und der ehemalige Jam-Kumpel von so unterschiedlichen Musikern wie Chick Corea, Misha Mengelberg, Archie Shepp und Willem Breuker.

In seinem “Diamond Curtain Wall Trio“ präsentiert Braxton mit dem Kornettisten Taylor Ho Bynum und der Gitarristin Mary Halvorson zwei Aushängeschilder der jungen New Yorker Avantgarde, die mit undogmatisch enthusiastischer Eloquenz eine neue Weltoffenheit zelebriert. Ho Bynum ist neben Rob Mazurek, der im letzten Jahr auf diesem Festival gespielt hat, einer der wichtigsten Schüler von Bill Dixon. Getreu dem Credo des Meisters bläst er auf allem, was Töne erzeugt. Ähnlich radikale Soundvorstellungen verfolgt Mary Halvorson auf ihrer Gitarre: Cluster, Krach und schöne Töne. Ein Bewunderer von Braxton hat dessen Klang-Kosmos mal so beschrieben: „Wenn die Musik wirklich die heilende Kraft des Universums ist, dann ist Braxtons Werk eine der am besten ausgestatteten Apotheken des Planeten.“

Anthony Braxton | reeds, electronics
Taylor Ho Bynum | cornet, flugelhorn, piccolo trumpet, bass trumpet, trumpbone, mutes and shells
Mary Halvorson | guitar

 
 

Frankfurt Impressions

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40. Deutsches Jazzfestival Frankfurt 2009

Konzerte:
DO 29.- SA 31. Okt.
jeweils 19-24 Uhr
hr-Sendesaal
Bertramstraße 8
Frankfurt am Main

Fade Out – Aftershow-Party:
SA 31. Okt.
23:30 Uhr
Cristallobar
Künstlerhaus Mousonturm Waldschmidtstraße 4
Frankfurt am Main

Kinderkonzert:
SO 1. Nov.
11 Uhr
hr-Sendesaal
Bertramstraße 8
Frankfurt am Main
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