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45. Deutsches Jazzfestival Frankfurt 2014, 23.-25. Oktober im hr-Sendesaal, Grafik mit Rauch
 (Bild: Kollage hr-online)

Programm Freitag 26.10.2012, 19:00 Uhr

 
 

THE ARISTOCRATS

Zunächst schien es so, als sollte es nur einer jener typischen NAMM-Gigs werden, wie sie jedes Jahr Mitte Januar im kalifornischen Anaheim auf einer der weltweit wichtigsten Musikmessen zuhauf über die Showbühnen gehen. Doch als der Gitarrist Guthrie Govan, Bassist Bryan Beller und Drummer Marco Minnemann nach ihrem ersten Zusammentreffen die Bühne verließen, riefen sie – überwältigt von der gerade erlebten Band-Chemie – voller Enthusiasmus: „Das funktioniert, das sollten wir unbedingt weiter machen.“

Dabei hatte der britische Griffbrett-Wizard Guthrie Govan nur zufällig den Weg nach Anaheim gefunden, weil der ursprünglich für diesen Auftritt vorgesehene Fusion-Hero Greg Howe kurzfristig seine Teilnahme absagen musste. Ein gerade anwesender Fan von Govan empfahl ihn Beller, der noch nie von dem Virtuositäts-Wunder aus Chelmsford / Essex, gehört hatte. Doch ein paar YouTube-Klicks zerstreuten alle Zweifel und bestätigten, was Dweezil Zappa schon zuvor über Guthrie Govan verbreitet hatte: „Jedes Mal, wenn ich ihn spielen höre, habe ich das Gefühl, mich anschnallen zu müssen. Er ist ein Außerirdischer! Seine Technik und sein Phrasierung erschüttern mich. Aber was mich am meisten umhaut, ist seine Musikalität: Er verfügt über die vollkommene Freiheit an der Gitarre… BASTARD!“

Bereits mit drei Jahren nahm der jetzt 40-jährige Govan die Gitarre zur Hand und ließ sich später vor allem von Jimi Hendrix, dem Eric Clapton der Cream-Ära, von Frank Zappa und Steve Vai beeinflussen. Auch Yngwie Malmsteen zählt zu seinen frühen Heroen – nicht zu vergessen die harmonische Phantasie von Joe Pass. Schon 1993 gewann Govan mit seinem inzwischen klassischen Instrumental „Wonderful Slippery Thing“ den begehrten Titel „Guitarist of the Year“ vom englischen Fachblatt „Guitarist“. Nach Lektoraten an verschiedenen Musikakademien veröffentlichte er 2006 sein durchschlagendes Debüt-Album „Erotic Cakes“ und befeuerte mit seinen sechs Saiten bis 2009 die ProgRock-Band „Asia“. Mit dem Bassisten Bryan Beller war er sofort auf einer Wellenlänge. Der hatte sich seine Jazzrock-Reputation bereits auf Tourneen mit Gitarren-Größen wie Steve Vai oder Mike Keneally erspielt. Mit stupender Technik und tonalem Gespür spielt er sich leichthändig durch Fusion, Groove-Metal und ProgRock. Zusammen mit dem Hannoveraner Schlagzeuger Marco Minnemann, der in San Diego lebt und bei so unterschiedlichen Musikern wie Udo Lindenberg, Paul Gilbert, Eddie Jobson oder Adrian Belew trommelte, bildet er eine hochtourig, immer wieder heiß laufende Rhythmusachse. Gemeinsam liefern „The Aristocrats“ den ultimativen Beweis, dass Jazzrock auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts nichts von seiner aufstörenden Kraft eingebüßt hat.

Guthrie Govan | g
Bryan Beller | el-b
Marco Minnemann | dr

 
 

MOSTLY OTHER PEOPLE DO THE KILLING

Vier exzentrische New Yorker Anzugträger, die ihre Musik gern mit dem Begriff „terrorist bebop“ schmücken: „Wir lieben es halt, das Ausgangsmaterial zu zerstören und neu zusammen zu setzen“, meint der Trompeter Peter Evans. Die radikale Dekonstruktion der Jazztradition erfolgt dabei nicht selten mit dem Getöse eines Düsenjets, der in einen Hühnerstall rast. Aus den Trümmern werden emsig und zitatenreich neue bizarre Klanggebilde aufgetürmt. Ein Spaß, der ernst gemeint ist. Die vermeintliche Beschädigung der Tradition von Armstrong bis Ayler ist eine Verbeugung vor ihr – freilich immer mit einem gewissen Augenzwinkern. MOPDTK, wie die Band abgekürzt heißt, agiert mit kindlicher Spielfreude und diebischer Lust am Tabubruch. Klingt es gerade noch nach Art Blakey, so ist der im nächsten Moment schon auf den Kopf gestellt, im kollektiven Gewusel dieser vier Hasardeure gestaucht, geschreddert und zu neuem Werkstoff zusammengeschmolzen.

Gegründet wurde MOPDTK vom Bassisten Moppa Elliott. Er ist der Master-Mind der Band. Von ihm stammt auch deren Name: ein Bezug auf den Theremin-Erfinder, den russischen Physiker Lew Termen, der in einem Interview äußerte, dass Stalin gar nicht so schlecht gewesen sei, weil meist andere Leute das Töten übernommen hätten. Elliott fand das lustig. Und mit genau dieser Ironie, bei der man erst mal nicht so genau weiß, was man von ihr halten soll, funktioniert die Band. Der 30-jährige Trompeter Peter Evans studierte am Oberlin Konservatorium klassische Trompete. Wenn er nicht mit MOPDTK oder einer seiner eigenen Formationen unterwegs ist, dann spielt er Barockmusik oder experimentelle Solo-Konzerte. Von ihm kommen geradezu wahnwitzige Sound-Einfälle, die die Trompete bislang noch nicht freigegeben hat. Er bezeugt Interesse an Death- und Black-Metal. Der Saxophonist Jon Irabegon schwärmt für die alten Meister, die schwarzen Rußer am Tenorsax, wie auch für Ornette Coleman, er begleitet aber auch Billy Joel und Michael Bublé. Kevin Shea am Schlagzeug trommelt wie ein Vulkan, seine anarchisch rockende Unberechenbarkeit scheint selbst die anderen Bandmitglieder immer wieder zu überraschen.

MOPDTK agiert im Sound-Design einer akustischen Jazz-Band, speist sich aber aus vielen Quellen. Hier wird alles fusioniert: ein zeitgenössischer Fusions-Generator, der Mash-ups ohne Grenzen produziert – nur fast ganz ohne Elektronik. Die musikalische Sozialisation der vier Bandmitglieder blitzt auch auf, wenn sich Shea auf dem Cover des aktuellen MOPDTK-Albums in einschlägig bekannter Keith-Jarrett-Pose über die Tastatur eines Konzertflügels beugt. Die Nachstellung des berühmten Cover-Motivs von Jarretts „The Köln Concert“ für den eigenen Live-Mitschnitt „The Coimbra Concert“ ist nur eine von vielen Reminiszenzen. Da gibt es bei MOPDTK schon eine kleine Tradition von Nachbildungen legendärer Albumcover der Jazzgeschichte. Bei allen animieren diese Verbeugungen zum Schmunzeln.

Peter Evans | tp
Jon Irabegon | ts, as, ss
Moppa Elliott | b
Kevin Shea | dr, electronics

 
 
 

SOFT MACHINE LEGACY feat. KEITH TIPPETT

Wie ein aufgeschreckter Bienenschwarm schwirren die Noten des Keyboards durch den Raum. Darunter liegende Verzerrungen einer Bassgitarre erinnern an eine sanft singende Motorsäge. Wild wuchernde Saxophon- und Gitarrenlinien geben den Soundgebilden plastische Kontur. Die Canterbury-Band „Soft Machine“ – Wegbereiter der Progressive- und Psychedelic-Szene, Vorkämpfer von Jazzrock und Fusion – repräsentiert rückblickend eine Vision: Ein musikalischer Bio-Organismus, vielfältig elektronisch vernetzt, bringt für Momente den Unterschied zwischen Natur und Technik zum Verschwinden. Weitgreifende Improvisationen einzelner Instrumente entpuppen sich als planvolles Pulsieren des Ganzen.

Ein Projekt ehemaliger Soft-Maschinisten im Jahr 1999 ließ die Canterbury-Aficionados aufhorchen: Unter dem Arbeitstitel „Soft Ware“ rauften sich der Saxophonist Elton Dean, der Bassist Hugh Hopper und der Drummer John Marshall mit dem langjährigen Freund und Weggefährten, dem Pianisten Keith Tippett zusammen. Bald übergab der die Fackel an den Gitarristen Allan Holdsworth – ebenfalls ein früheres „Soft Machine“-Mitglied – und gemeinsam spielte man 2002 unter dem Gruppennamen „Soft Works“ das Album „Abracadabra“ ein. Doch wie schon in den Urzeiten der „Weichen Maschine“ begann sich das Personenkarussell alsbald zu drehen: Für Holdsworth kam 2004 John Etheridge, der bereits auf dem Album „Softs“ von 1976 mit seinem transparenten Gitarrenton und seiner von Django Reinhardt und Jimi Hendrix gleichermaßen beeinflussten Phrasierung für ungewohnt schimmernde Texturen gesorgt hatte. Der programmatische Name „Soft Machine Legacy“ assoziierte die Triumphe von einst mit den Anforderungen der Gegenwart. Keine Neuerfindung der Nostalgie: Das Jazzrock-Konzept der 60er und 70er Jahre wurde einem Update unterzogen, zupackender und frischer klangen jetzt die vertrackten Kompositionen, der hypnotische Sound blieb bewahrt.

Nach dem Tod von Elton Dean (2006) und dem Hinscheiden von Hugh Hopper drei Jahre später wurden erneut Umbesetzungen notwendig: Mit dem jungen Saxophonisten Theo Travis – vormals in Bands wie „Gong“, „Porcupine Tree“ oder an der Seite von Robert Fripp kamen neue Ideen ins Spiel. Der Bassist Roy Babbington, ebenfalls ein altgedienter Maschinist und Mitglied in der kurzlebigen aber nicht minder brillanten „Keith Tippett Group“, sorgte jetzt für eine Grundierung in der Tiefe aller weich wabernden Energieströme. Dass sich die „Soft Machine Legacy“ jetzt in Frankfurt mit Keith Tippett verbündet, ist seltener Glücksfall und trotzdem konsequent. Denn die britische Jazzpiano-Institution Tippett „tickt“ seit Jahrzehnten auf derselben Wellenlänge wie die Jazzrock-Recken von „Soft Machine“: Man erinnere sich nur an sein großorchestrales Verbrüderungsprojekt „Centipede“ von 1970. Jetzt zählt er zu den fünf Zeitreisenden, die den Beweis antreten: Die Legende lebt, die Maschine läuft und läuft und läuft.

John Etheridge | g
Theo Travis | ts, ss, fl
Roy Babbington | el-b
John Marshall | dr

Keith Tippett | p

 
Redaktion: kadi
Letzte Aktualisierung: 11.06.2012, 11:35 Uhr
 
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