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45. Deutsches Jazzfestival Frankfurt 2014, 23.-25. Oktober im hr-Sendesaal, Grafik mit Rauch
 (Bild: Kollage hr-online)

Programm Samstag 27.10.2012, 19:00 Uhr

 
 
 

WUNDERKAMMER XXL – hr-BIGBAND feat. MICHAEL WOLLNY & TAMAR HALPERIN

Ihm geht es um den Moment, “den Punkt, an dem die Musik stattfindet”, an dem man nicht wisse, ob die Pläne funktionieren. Er liebt das Risiko. “Makellose Schönheit ist nicht anziehend”, sagt Michael Wollny. Unschärfe statt Vollendung, that's jazz. Der Pianist ist Mitte 30 und im Moment mutmaßlich Deutschlands wichtigster Jazz-Export. Er kommt aus Schweinfurt, lebt aber schon länger in Frankfurt. Dazwischen lag Berlin, da wuchs er zu musikalischer Größe. Wenn auch, es war Frankfurt, wo er ganz am Anfang im hr-Jazzensemble auf Heinz Sauer traf, einen Geistesverwandten – und ab da begann Wollnys große Karriere. Der Pianist ist ein Freigeist und eine wandelnde Klangbibliothek, mit seinem Trio [em] spielt er Schubert, Mahler und Kraftwerk und man kann von ihm eigentlich immer das Unerwartete erwarten: “Reibung ist wichtig”, so der Leitsatz zu Wollnys wildromantischen Eskapaden.

Ausgangspunkt für Wollnys erstes Antasten orchestraler Intensitäten ist die Klangwelt seines Albums „Wunderkammer“: Verunsichernd, hypnotisch, minimalistisch und schillernd rasen da Endlos-Motive manisch dahin, betören repetitive und sich stets leicht verändernde Tonfolgen das Ohr: Wollny am Piano zusammen mit der aus Israel stammenden Wiesbadenerin Tamar Halperin am Cembalo. Auch eine Obsession von Wollny: „Was ich am Cembalo mag, das ist dieses Musikmachinenhafte, man hört viel mehr die Mechanik als beim Klavier. Es hat eine besondere perkussive Qualität.“

Das alles sind Koordinaten, die nicht unbedingt prädestiniert scheinen für eine jazz-orchestrale Umsetzung. Hier zeigt die hr-Bigband allerdings eine Wesensverwandtschaft mit Wollny. Diese Herausforderung wirkt animierend. Hat die hr-Bigband doch gerade einen „Echo Jazz“ eingefahren für ihre höchst beeindruckende Live-Umsetzung von Joachim Kühns „Wüsten-Jazz“ – übrigens ursprünglich auch mal ein Projekt dieses Festivals. Wollny hat sich fürs Setzen der Töne Jörg Achim Keller ausgesucht. Kein Unbekannter in Frankfurt, berühmt-berüchtigt für vielleicht noch exotischere Kompositionsaufträge in der Geschichte dieses Festivals. Und es kommt noch kühner: Nach derzeitigem Stand der Planungen wird die hr-Bigband ohne Rhythmusgruppe spielen. Also ein kammermusikalisches Pling-Pling? – Von wegen: Frankfurts wunderbare Wollny-Welten werden den Saal rocken.

Nun also doch wieder anders: Nach neuestem Stand (09.10.12) wird die hr-Bigband doch eine Rhythmusgruppe haben, einen Bassisten und einen Schlagzeuger. So ein exklusives Festival-Projekt ist eine dynamische Angelegenheit – weitere Änderungen nicht ausgeschlossen.

Michael Wollny | p, harpsichord, celesta, comp
Tamar Halperin | harpsichord, celesta

Jörg Achim Keller | arr
Jim McNeely | cond

Frank Wellert | tp
Martin Auer | tp
Claus Reichstaller | tp
Axel Schlosser | tp
Günter Bollmann | tb
Peter Feil | tb
Christian Jaksjø | tb
Manfred Honetschläger | b-tb
Heinz-Dieter Sauerborn | as
Oliver Leicht | as
Tony Lakatos | ts
Steffen Weber | ts
Rainer Heute | bs
Thomas Heidepriem | b
Jean Paul Höchstädter | dr

 
 

NILS PETTER MOLVAER – BABOON MOON

Manchmal ist Molvaers Trompete nackt, frei von elektronischen Verkleidungen, voll von Atem und viel gehauchter Luft, introvertiert und sparsam, perfekte Artikulation von Melancholie und Zerbrechlichkeit. Besonders an diesen Stellen erinnert Molvaers Spiel an die lyrische Klangarchitektur von Miles Davis. Und wenn die ihn umgebende Maschinerie ins Toben gerät, dann gilt das auch: „Bitches Brew“, die Geburt des Fusion Jazz, die Miles Ende der 60er Jahre eingeleitet hatte, schien stellenweise Pate zu stehen. So war das zumindest Ende der 90er Jahre, als Molvaer mit seinem Album „Khmer“ die Fusion von Jazz und Electronika vorantrieb. Doch Molvaer ist ein kreativ Suchender. Das intergalaktische Wabern und Scheppern, die orbitalen Spiralnebel aus Maschinenklängen, Loops aus dem Sampler und Scratches von den Turntables sind heute einer neuen Einfachheit und Klarheit gewichen.

Aktuell arbeitet Molvaer im Trio-Format: mit zwei Seiteneinsteigern im Jazz. Der junge Gitarrist Stian Westerhus kommt aus der Post-Rock-Band „Jaga Jazzist“, der Schlagzeuger Erland Dahlen spielte lange in der Psychedelic-Formation „Madrugada“. Mit der Wucht eines elektronischen Tsunami bricht der Sound dieses Trios herein, in seinen Noise- und ProgRock-Eruptionen physisch massiver, aber in der Dynamik von Ausbruch und Abkühlung auch spiritueller als zuvor. Molvaers Sound-Walls sind hypnotisch. Nach wie vor spielt er mit Trompetensounds, die durch Computer und Effektgeräte manipuliert sind, die klangliche Unterscheidbarkeit zwischen Trompete, Gitarre und Laptop ist marginalisiert. Westerhus bearbeitet seine Gitarre mit dem Bogen, seine Distortion-Varianz, all das hat ihn zu einem der innovativsten Gitarristen der jüngeren Generation gemacht und führt hier überraschenderweise nicht zu einem digitalen Overkill, sondern zu mystischer Tiefe.

Die Technik des Kombinierens von Ungleichartigem als Folge des Siegeszugs der Elektronik, das Patchwork, das sich aus zügellosen Stilbrüchen zusammensetzt, wurde schon im „anything goes“ der 90er Jahre zum Normalfall im Jazz. Einer der wichtigen europäischen Pfadfinder war dabei Nils Petter Molvaer. Schon da erschienen die damaligen Pionierleistungen von Miles, Zawinul & Co, den Jazz mit dem Rock zu fusionieren, wie einfache Sandkasten-Spiele. Molvaer nennt seine Musik neuerdings einfach „freien, schwarzen ProgRock“, das Feuilleton spricht gar schon vom „Molvaerismus“. Im Zeitalter des grassierenden Turbo-Digitalismus könnte man das auch „fusion jazz 2.0“ nennen, was einer der wichtigsten Lautsprecher dieser Gattung da fabriziert.

Nils Petter Molvaer | tp, electronics
Stian Westerhus | g, electronics
Erland Dahlen | dr

 
 

STICK MEN & TERRY BOZZIO

Kaum eine Band, die nicht von sich behauptet, sie mache komplett eigenständige Musik: Innovativ und unverwechselbar! Auf die „Stick Men“ trifft diese längst inflationierte Rede wirklich zu. Schon die Instrumente, die in diesem ProgRock-, Jazz-, Electronic-, Fusion-, Minimal-, Metal-Trio zum Einsatz kommen sind höchst ungewöhnlich. Den Chapman-Stick kennt man vielleicht noch durch Tony Levins visionäre Exkursionen auf „King Crimson“- oder „Dream Theatre“-Stücken. Doch die von Markus Reuter 2008 erfundene achtsaitige „Touch Guitar“ dürfte schon seltener zu hören sein. Addiert man dann noch das akustisch-elektronische Schlagwerk von Pat Mastelotto hinzu, kommt eine unerhörte musikalische Melange heraus: Robert Fripp trifft Steve Reich, Metallica verbrüdern sich mit Pink Floyd.

Vor allem die perkussiv-bassigen Strukturen des „Stick“ sorgen für ein donnerndes Klangbild, das sich ebenso überraschend in ein sanft-säuselndes Lüftchen verflüchtigen kann. Als der Jazzgitarrist Emmett Chapman seinen revolutionären Saitenschwinger 1969 in Los Angeles entwickelte, schwebte ihm ein Hybrid aus Bass, Gitarre und Perkussionsinstrument vor, das sich dazu eignete, allein durch „Tapping“, d. h. durch beidhändiges Anschlagen der Saiten mit den Fingerkuppen, zum Sprechen gebracht zu werden. Zu einem der größten Stick-Virtuosen reifte in der Folgezeit Tony Levin – Kontrabass, Tuba und Klavier beherrschte er bereits seit Schüler-Zeiten. Dieser verschmitzte Multiinstrumentalist aus Boston avancierte bald zu einem der gefragtesten Sessionmusiker: Seine Kooperationen mit Größen wie Paul Simon, Peter Gabriel, Lou Reed, Robert Fripp und allen voran „King Crimson“ sprechen in dieser Hinsicht Bände. Alles andere als ehrenrührig war auch seine Bass-Arbeit auf dem Pink-Floyd-Million-Seller „A Momentary Lapse of Reason“ von 1987.

Im Jahr 2008 hob Levin zusammen mit dem kalifornischen Drummer Pat Mastelotto und dem Stick-Kollegen Michael Bernier die „Stick Men“ aus der Taufe – seit 2011 hat Markus Reuter aus dem westfälischen Lippstadt und jahrlang Lieblingsschüler von Robert Fripp in dessen „Guitar Craft“-Kurs mit seiner „Touch Guitar“ Bernier ersetzt. Mastelotto, der schon als Zehnjähriger von Trommeln besessen war, 1982 Hitparadenerfolge mit „Mr. Mister“ verbuchen konnte und seit 1994 für den Rhythmus von „King Crimson“ zuständig ist, hat in den „Stick Men“ seine Seelenverwandten gefunden.

Wenn sich dieses Power-Trio dann noch zum ersten Mal mit dem Über-Drummer Terry Bozzio zusammenrauft, dürfte dies einem sonischen Erdbeben gleichkommen. „Das wilde Tier hinter den Kesseln“ – wie Bozzio oft liebevoll genannt wird – zählt zu den größten Schlagzeugern der Gegenwart. Seine präzise Härte, sein Verwirrspiel aus Kreuz- und Gegenrhythmen, sein melodischer Trommel-Stil, all das hat ihm zu einer atemberaubenden Karriere verholfen. Die Fülle seiner Kollaborationen würde Seiten füllen, genannt seien nur seine Arbeiten mit Frank Zappa (seine Interpretation des unspielbar scheinenden Stücks „The Black Page“ hat bis heute Referenzcharakter), mit Jeff Beck, „The Brecker Brothers“, Herbie Hancock oder jüngst der Metal-Heroen „Korn“. Sein riesiges Schlagzeug „The Big Kit“ – mit sechs Bass-Drums, 26 Toms, 2 Snares, mehr als 50 Becken und 20 Pedalen – ist dennoch kein Selbstzweck: die präzise gestimmten Klangerzeuger erlauben ihm ein unerhörtes „Melodic Drumming“ – das Schlagzeug als perkussive Orgel!

Tony Levin | stick
Markus Reuter | touch guitar
Pat Mastelotto | dr, electronics

Terry Bozzio | dr

 
 
Redaktion: kadi / guho
Letzte Aktualisierung: 23.10.2012, 12:28 Uhr
 

Das kommt gut

Trailer zum Jazzfestival 2014
Trailer 2
Trailer 3

Einblicke

Impressionen vom Deutschen Jazzfestival Frankfurt 2013. Fotos von allen Konzertabenden. [Bildergalerie]

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