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hr-online-Special zur Eröffnung des Flughafens Kassel-Calden am 4. April 2013
Flugzeug auf dem Rollfeld in Calden (Bild:  hr)
Der Start gelingt - doch dann kann Calden die Erwartungen nicht erfüllen

Geschichte des Flugplatzes

Wie Calden einst scheiterte

Schon einmal träumte Nordhessen von einem florierenden Regionalflugplatz: Festgäste umjubelten 1970 die erste Maschine. Doch schon bald wollte selbst der Ministerpräsident vom Luftverkehr in Calden nichts mehr wissen.
 
Eine Autoschlange rollt durch Calden, bei der Flugplatz-Eröffnung bildete sich ein Autokorso (Bild: Geschichtsverein Calden)
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Autokorso durch Calden bei der Eröffnung

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 (Bild:  hr-online)

Flughafen Kassel-Calden

Höhenflug oder Bruchlandung?
Autokorso, Menschenmassen, Jubelschreie: Bei der Eröffnung des Verkehrslandeplatzes am 11. Juli 1970 herrschte in Calden Volksfeststimmung. Das Kabinett von Ministerpräsident Albert Osswald (SPD) landete mit einer Maschine aus Frankfurt auf der neuen Landebahn in Nordhessen. "Die Menschen haben den Politikern zugejubelt", berichtet Zeitzeuge Kurt Kanngießer, "es herrschte große Hoffnung." Hoffnung auf einen florierenden Regionalflugplatz, der samt Restaurant und Besucherterrasse für 22 Millionen Mark von Stadt und Land gebaut wurde. Und der die Wirtschaft an den Standort Kassel binden sollte.
 

Rückblick: Hoffnung und Ernüchterung 

 
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Menschen im Bistro des Flugplatzes (Bild:  hr)
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Ein Bistro-Bild aus besseren Zeiten
Video: 1980: Zukunft des Flugplatzes in Calden 1:09 Min
(© hr-fernsehen, 02.04.2013)
In der Anfangseuphorie konnten die Macher durchaus mit attraktiven Verbindungen aufwarten: Es gab vereinzelt Linienflüge nach Hamburg, München und Frankfurt. Auch Köln, Düsseldorf, Hannover und Lübeck wurden angesteuert wie Ferienparadiese im damaligen Jugoslawien, auf den Balearen oder den Kanarischen Inseln. Doch die Realität holte den neuen Flugplatz nördlich von Kassel nach wenigen Jahren ein, 1975 wurde der Linienverkehr eingestellt. "Dunkle Wolken über Calden", titelte die "Hessische/Niedersächsische Allgemeine" (HNA), als sie 1973 etwa über das Millionen-Defizit des Gesellschafters "General Air" berichtete, der sich schließlich zurückzog.

"Drei Jahre nach Eröffnung steht Kassels größter Stolz nach mehrfachem Charter-Schlamassel und Linien-Flaute selbst vor der Pleite", schrieb der "Spiegel" im gleichen Jahr. Die 1.500-Meter-Piste entpuppte sich als zu kurz für größere Maschinen. Ein 30-Tonnen-Flieger mit 70 Plätzen "ist die größte Maschine, die noch einigermaßen sicher von der 1.500 Meter langen Rollbahn abheben kann", berichtete die "HNA" (1972). Es gab auch kein Instrumentenlandesystem, um auch bei schwierigen Bedingungen landen zu können. Die Fluggäste blieben aus, denn "Paderborn hatte das bessere Angebot", wie Kanngießer, ein Caldener Urgestein, mit Blick auf die Konkurrenz im Westen berichtet.
 

Osswald kann Calden "nicht mehr hören"

Luftaufnahme von Rollfeld und Tower (Bild:  hr)
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Der Flugplatz - zu klein, und doch zu groß

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Von Waldau nach Calden

Der Flugplatz von Kassel lag bis zur Calden-Eröffnung (1970) im Stadtteil Waldau im Südosten der Stadt. Der dortige Flugplatz wurde in den 20er Jahren in Betrieb genommen und mit dem Calden-Start geschlossen.
Spätestens jetzt kam auch ein Planungsfehler zutage: Die ohnehin schon kurze Start- und Landebahn wurde vor einen Berg gebaut, den 580 Meter hohen Dörnberg im Habichtswald. Forderungen wurden laut, den Flugplatz erneut aus- und umzubauen. Sogar über einen Ausbau der Asphaltpiste über die Bundesstraße 7 wurde öffentlich nachgedacht – mit Ampeln und Schranken für den Autoverkehr. Doch die Landesregierung, bei der Eröffnung noch auf der Euphoriewelle mitgeritten, wollte nichts mehr wissen von dem Sorgenkind im Norden. "Ich kann das Wort Calden nicht mehr hören", wurde Ministerpräsident Osswald im "Spiegel" zitiert.

Das Dilemma: Der Caldener Flugplatz war für das große Fluggeschäft zu klein – für die pure Geschäfts- und Sportfliegerei aber zu groß. Genutzt wurde der Flughafen in den Folgejahren unter anderem als Rennpiste. In den 70er und 80er Jahren lockten die Flugplatzrennen viele Motorsportfans nach Calden. Auch Hubschrauber, Ballonfahrer und Fallschirmspringer kamen auf ihre Kosten. "Die hatten immer freie Bahn", sagt der 88 Jahre alte Caldener Kanngießer schmunzelnd.
 

Boeing 737 startet durch

Video: 2000: Rückblick auf 30 Jahre Flugplatz 2:22 Min
(© hr-fernsehen, 02.04.2013)

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ICE-Anbindung

Schienenverkehr als Konkurrent der Luftfahrt: Das Bahnnetz rund um Kassel wurde nach der Wiedervereinigung ausgebaut. Der ICE-Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe wurde 1991 eröffnet.
Anfang der 90er Jahre versuchten die Verantwortlichen erneut ihr Glück, größere Maschinen nach Calden zu locken – möglich machte das ein Instrumentenlandesystem. 1992 fanden über anderthalb Jahre regelmäßig Flüge nach Berlin statt, 1994 vereinzelt Urlaubsflüge nach Mallorca und Tunesien. Als im Jahr 1999 erste Ausbaupläne bekannt wurden, zeigte sich kurz darauf eine Boeing 737 in Calden, die über die nötige Schubstärke für die kurze Piste verfügte. Zwei Jahre später wurde die Verbindung nach Mallorca wegen mangelnder Nachfrage eingestellt. In den Folgejahren fand bis zur Eröffnung des neuen Regionalflughafens 2013 kein Linien- oder Charterflugverkehr mehr statt, der mögliche Ausbau bestimmte die Diskussion in und um Calden.

Unabhängig vom großen Flugverkehr ließen sich in den Jahren mehr und mehr Firmen nieder. Für viele Unternehmen wurde Calden zu einem wichtigen Standort für Geschäftsflüge mit Kleinflugzeugen und Helikoptern, zuletzt zählte man 35.000 Flugbewegungen pro Jahr. Es siedelten sich Firmen aus der Luftfahrtbranche an wie Businesswings, Eurocopter oder die Piper AG. Es entstand ein Gewerbegebiet mit mehreren hundert Arbeitsplätzen. Auch Flugschulen nutzten den Standort.
 

Erwartungen nie erfüllt

Im Jahr 2000 wurde der Flugplatz 30 Jahre alt, das wurde mit einer Flugshow, Rundflügen und Falschschirmspringen gefeiert. Autokorso, Menschenmassen und Jubelschreie gab es im Gegensatz zur Eröffnung nicht – denn die Erwartungen der Bürger von damals hat der Verkehrslandeplatz nie erfüllt.
 

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Redaktion: beboe
Letzte Aktualisierung: 6.04.2013, 21:10 Uhr

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Stand des Specials:
4. April 2013 | aktuelle Flughafen-Meldungen finden Sie auf [hessenschau.de]
 

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