hr-online Informationen aus Hessen
47. Deutsches Jazzfestival Frankfurt 2016, 26.-30. Oktober im hr-Sendesaal, Grafik mit Instrumenten
 (Bild: Collage hr-online)

Programm Donnerstag 29.10.2015, 19:00 Uhr

 
 
 

CONTRAST TRIO + 1

Seit das Contrast Trio (das damals noch Contrast Quartet hieß) 2008 das Arbeitstipendium Jazz der Stadt Frankfurt bekam, herrscht Kontinuität: Bis heute sind die Drei noch immer die Speerspitze, wenn es um die "Next Generation" in der Frankfurter Jazz-Szene geht. Ihre Musik hat sich freilich weiterentwickelt: "Es geht uns weniger um individuelle Virtuosität als um eine gemeinsam kreierte Klangästhetik", sagt der Pianist Yuriy Sych mit Bezug auf das Anfang des Jahres erschienene Album "2". "Wir wollen bei diesem Album bewusst weg von Soli und der Präsentation einzelner Instrumente". Ein Plädoyer für Kompaktheit und variierende Trio-Klangfarben von Yuriy Sych, der es eigentlich wie kaum ein anderer versteht, einen ganzen Saal mit seiner überbordenden Virtuosität in einen Taumel zu spielen.

Tatsächlich agiert das Trio auf der genannten CD als geschlossene Band ohne Zurschaustellung von Hochleistungs-Handwerkelei einzelner. Dennoch ist die Dynamik enorm. Es gibt viele energiegeladene Passagen, die sich immer wieder aus den changierenden Klangflächen herausschälen. Dabei ist Yuriy Sych mit seinen Langzeit-Partnern, dem Bassisten Tim Roth und dem Schlagzeuger Martin Standke, so traumhaft eingespielt, dass das Ganze auch unverabredet als vital sprudelnder Organismus funktioniert: Groove, repetitive Miniaturen, subtile elektronische Effekte – dieser modernen Pop-Musik, gespielt von Vollblut-Jazzern, fehlt es an nichts, um zeitgemäß, ja modern rüberzukommen.

Aber wer weiß schon, an welchen Transformationen die Kontrastler im Moment gerade wieder arbeiten? Für ihr Konzert auf dem Deutschen Jazzfestival haben sich die Drei einen Gast ins Boot geholt, den Perkussionisten Florian Dressler. Der Schlagwerker Martin Standke hat in seinem Drumming eine solch individuelle Akzentuierung und Präsenz, dass man sich kaum vorstellen kann, dass eine Verstärkung der Impulse an den Trommeln eine zusätzliche Dimension in die Musik bringen kann, aber wir vertrauen auf den Spürsinn der Musiker. Denn sie wissen, was sie tun. Schon oft haben sie mit Gastmusikern gespielt, immer gab’s auch inhaltlich Surplus. Und so viel Experimentier-Geist, wie er sich hier bei Frankfurts Vorhut artikuliert, kann man nur unterstützen. Überraschungen werden gern billigend in Kauf genommen.

Yuriy Sych | p, synth
Tim Roth | b, sound effects
Martin Standke | dr, samples
Florian Dressler | perc, electronics


 
 

MICHAEL MANTLER & hr-BIGBAND: "JAZZ COMPOSER’S ORCHESTRA UPDATE"

Der einstige Visionär kehrt zurück: Mit dem Album "The Jazz Composer’s Orchestra" hat der Komponist und Trompeter Michael Mantler 1968 einen bahnbrechenden Klassiker des modernen Jazz geschaffen. Der Österreicher, der damals in den USA lebte und ein langjähriger Partner von Carla Bley wurde, leitete seinerzeit ein großes Orchester, in dem einige Ikonen der damaligen "free playing"-Szene versammelt waren: vom Pianisten Cecil Taylor über den Kornettisten Don Cherry bis zum Posaunisten Roswell Rudd, von Larry Coryell an der Gitarre bis zu den Tenoristen Pharoah Sanders und Gato Barbieri. Obwohl das Original noch heute, fast ein halbes Jahrhundert nach der Aufnahme-Session, ausgesprochen frisch klingt, kam Mantler beim Digitalisieren seiner alten Aufnahmen die Idee, das Material nach einer gründlichen Überarbeitung mit zeitgenössischen Musikern neu aufzunehmen.

Dabei ging es ihm aber keineswegs um ein "Re-do", sondern um ein "Update", wie er es nennt: Die aus den 60er-Jahren stammenden Kompositionen wurden für das 21. Jahrhundert neu aufbereitet. Die damaligen Partituren waren auf die gravitätischen Neuerer wie Sanders und Taylor zugeschnitten, jetzt sollte der Anteil an freier Improvisation zugunsten von ausgeschriebenen Passagen begrenzt werden. Mantler ging es nicht darum, irgendwelche Imitatoren der Stimmen seiner damaligen Solisten zu finden, bewusst wollte er sich davon absetzen. Mit der Wiener Big Band Nouvelle Cuisine, ihrem Leiter Christoph Cech und dem Streicher-Ensemble radio.string.quartet.vienna spielte Mantler 2013 sein "The Jazz Composer’s Orchestra Update" im Wiener Club „Porgy & Bess“ neu ein. Die im letzten Jahr bei ECM erschienene CD ist wiederum ein Meilenstein des orchestralen Jazz.

So wie bei Mantler klingt kein anderes Jazzorchester weltweit – nicht unbedingt wegen der dort versammelten Solisten, sondern vielmehr wegen der einzigartig nuancierten Tonsätze, die Mantler geschrieben hat. Sie sind inspiriert von der klassischen europäischen Avantgarde-Musik, sie haben die Komplexität von Neuer Musik. Aber sie sind in der Kombination von Partiturarbeit und jazz-bezogener Improvisation, trotz ihrer kompakten Dichte und labyrinthischen Verwobenheit ausgesprochen unakademisch und vital. Schöner als hier lässt sich musikalisch kaum ein kalter Schauer über den Rücken jagen.

Mit diesem musikalischen Material von Michael Mantler betritt die hr-Bigband, die wahrlich schon so einige Sujets erfolgreich bearbeitet hat, tatsächlich fremden Boden und versucht, neue musikalische Territorien zu erobern. Für das Konzert auf dem Deutschen Jazzfestival Frankfurt bringt Mantler das elektro-akustisch bewanderte radio.string.quartet.vienna mit, ebenso den jungen Wiener Tasten-Derwisch David Helbock und mit dem Gitarristen Bjarne Roupé einen langjährigen Interpreten der Kompositionen von Michael Mantler. Die Haupt-Solisten an den Saxophonen sind Tony Lakatos und ein Mann, dessen Mitwirkung allein schon eine kleine Sensation ist: Peter Brötzmann, der große Vorsitzende des freien Spiels der Kräfte in Deutschland und weltweit, ist durchaus schon mal in den frühen Jahren mit Mantler auf der Bühne gewesen. Dass er bei diesem speziellen Festival-Projekt mit der hr-Bigband zusammen auf der Rampe steht, das allein schon lässt eigentlich jedem große Ohren wachsen.

Michael Mantler | comp, tp
Christoph Cech | cond
Peter Brötzmann | reeds
Tony Lakatos | reeds
Bjarne Roupé | g
David Helbock | p

radio.string.quartet.vienna
Bernie Mallinger | violin
Igmar Jenner | violin
Cynthia Liao | viola
Sophie Abraham | cello

Frank Wellert | tp
Martin Auer | tp
Thomas Sonnen | french horn
Maciej Baranowski | french horn
Christian Jaksjø | tb
Manfred Honetschläger | b-tb
Wolf Schenk | tuba
Stefan Karl Schmid | ss, fl
Oliver Leicht | ss, cl
Heinz-Dieter Sauerborn | as, fl
Benjamin Steil | as, cl, bcl
Steffen Weber | ts, fl
Rainer Heute | bs

Nina Hacker | b
Thomas Stabenow | b
Thomas Heidepriem | b
Jean Paul Höchstädter | dr

 
 

VINCENT PEIRANI & EMILE PARISIEN DUO: "BELLE ÈPOQUE"

Zwei Djangos können nicht irren. Beide Musiker wurden schon mit dem "Prix Django Reinhardt" geehrt, und nicht nur mit dieser renommierten Auszeichnung. Der Akkordeonist Vincent Peirani, Mitte 30, ist in Frankreich bereits seit zwei Jahren der Shooting Star der Jazzszene, etwa das, was Michael Wollny der hiesigen Gemeinde bedeutet. Ähnliches gilt für den Saxophonisten Emile Parisien, knapp über 30, der wie Peirani in den unterschiedlichsten musikalischen Zusammenhängen immer neue Lorbeeren erntet. Wenn bei Peirani gar von einem "Jahrhundert-Talent" geschwärmt wird, dann gehen der Presse da vielleicht ein bisschen die Gäule durch, aber wer ein Duo-Konzert der beiden erlebt hat, der kann in Anbetracht dieser überschäumenden Virtuosität und Spiellust gar nicht anders, als bislang unerreichte musikalische Dimensionen zu bescheinigen.

Die beiden wechseln ganz unverstellt mit schlafwandlerischer Intuition zwischen ätherischer Meditation und flirrender, geradezu rauschhafter Intensität. Ihre Zwiegespräche schaukeln sich nicht selten hoch zu hyperdynamischen Parforce-Ritten, wenn sich die beiden in eigenen Stücken austauschen oder sich vor Sidney Bechet und dessen "Egyptian Fastasy" verneigen, mit "Dancers In Love" bei Duke Ellington klingeln und Irving Mills mit "St. James Infirmary" einen Besuch abstatten. Ihre stupende Technik explodiert immer wieder. Aber nicht um ihrer selbst willen. Hier werden keine Geläufigkeits-Meisterschaften abgehalten, da geht ganz einfach der spielerische Enthusiasmus mit den beiden durch.

Das fiebernde Sopransaxophon von Parisien zitiert ganz nebenbei alle möglichen Klang-Facetten von Bechet, Coltrane, Steve Lacy und Wayne Shorter – und legt dann immer noch etwas oben drauf. Peirani entlockt seinem "Wunderkasten" fortwährend neue Farben und Nuancen, die man auf einem Akkordeon noch nicht erlebt zu haben meint. Die große französische Akkordeon-Tradition von Richard Galliano und Jean-Louis Matinier wird hier aufgegriffen, weitergetragen und nicht selten überholt. Bei Autoreifen nennt man das Runderneuerung: danach greifen sie wieder gut, haben besondere Haftwirkung. Peirani und Parisien greifen musikalisch nach allem, was sie berührt, stilistisch und genrebezogen sind sie offen, frei von irgendwelchen Scheuklappen. Da greift eine fast musikantische und deshalb erfrischende Unbedarftheit – das passiert allerdings auf einem atemberaubenden musikalischen Niveau.

Vincent Peirani | acc
Emile Parisien | ss

 
 

Teilen

Redaktion: magr / kadi
Letzte Aktualisierung: 21.09.2015, 13:50 Uhr
 
Jazz Sendungen in hr2

Playlists & Infos
Jazz Now
Montag, 22:30-23:00
Jazzgroove
Dienstag, 22:30-23:00
Jazzfacts
Mittwoch, 22:30-23:00
Jazz Now
Donnerstag, 22:30-23:00
Swingtime mit Bill Ramsey
Freitag, 22:30-23:00
Live Jazz
Samstag, 19:05-20:00
Die hr-Bigband
Sonntag, 19:05-20:00

Rückblick
Fotos von allen Abenden vom Deutschen Jazzfestival Frankfurt 2015 [Zur Bildergalerie]

Audio-Slideshow

Erleben Sie das Festival in Bild und Ton. [mehr]
 

Talkin' Jazz

 
hr-online enthält Links zu anderen Internetangeboten. Wir übernehmen keine Verantwortung für Inhalte fremder Webseiten.
SZM-Daten dieser Seite