hr-online Informationen aus Hessen
ARD.de Hilfe Feedback
Glocken - Klänge der Heimat

Der Prediger, den jeder versteht

Eine der fünf Läuteglocken der Wiesbadener Marktkirche schwebt an einem Kranseil zu Boden (Bild:  picture-alliance/dpa)
Eine Glocke ruft zum Gottsdienst
Der erste Zweck der Glocke ist der Ruf zum Gottesdienst und die Erinnerung an häusliche und persönliche Gebete tagsüber. Das römische Ritualbuch der katholischen Kirche formuliert: das Geläute "drückt die Empfindungen des Gottesvolkes aus, wenn dieses sich freut oder weint, dankt oder bittet, sich versammelt und das Geheimnis seiner Einheit in Christus sichtbar macht."
 

Eigene Sprache der Glocken

Glocken markieren den Gottesdienstbeginn und machen die zu Hause Gebliebenen auf den Fortgang der Feier aufmerksam, zum Beispiel im "Wandlungsläuten", wenn der Priester die Abendmahlsworte Jesu spricht oder beim Vaterunser in evangelischen Kirchen.

Ziel und Sinn eines jeden Geläutes soll es sein, "die Menschen in ihrem Denken und Handeln herauszuholen aus der Begrenztheit von Zeit und irdischem Leben, hinzuweisen auf eine andere Welt, auf Gottes Gegenwart und Herrlichkeit". So formuliert es Claus Huber, der Glockensachverständige der Württembergischen Landeskirche. Er fährt fort: "Die Glocken predigen in einer eigenen Sprache, die von allen Menschen verstanden wird."
 
 (Bild:  picture-alliance/dpa)
"Der Glöckner von Notre-Dame" - Festspiel-Aufführung
Zitat

"Baumle! Baumle!" schrie er mit wahnsinnigem Gelächter. Immer schneller, immer lauter ertönte der Schlag der Glocke, immer flammender wurde das Auge des Zwerges. Jetzt läuteten alle Glocken, der Turm zitterte unter ihrem Schall. Quasimodo schäumte, ging, kam, zitterte mit dem Turme von oben bis unten. Die Glocke, losgelassen, durch die Lüfte sausend, gab jene weithallenden Töne von sich, die man auf vier Stunden Weges hört. Quasimodo stellte sich vor ihre offene Kehle, schlürfte mit Wollust ihren betäubenden Hauch ein. Dies war die einzige Stimme, die er hörte, der einzige Ton, der das allgemeine Stillschweigen um ihn her durchbrach. Plötzlich ergriff ihn die Tollwut, aus seinen Augen sprühte ein irres Feuer, er lauerte auf den Rückschwung der Glocke wie die Spinne auf eine Fliege und warf sich dann plötzlich mit vollem Leibe auf sie hin. Jetzt, über dem Abgrund schwebend, mit dem reißenden Schwung dahingerissen, faßte er das eherne Ungeheuer am Öhr, umschlang es mit seinen Knien, spornte es mit seinen Fersen und verdoppelte auf solche Weise mit dem ganzen Stoß und Gewicht seines Körpers den mächtigen Schwung. Der Turm schwankte, der zauberhafte Zwerg schrie und bleckte die Zähne, seine roten Borsten sträubten sich aufwärts, seine Brust pochte wie ein Hammer, sein Auge strömte Flammen aus, die ungeheure Glocke schien unter ihrem Reiter zu stöhnen; das war nicht mehr die Glocke der Liebfrauenkirche, nicht Quasimodo, es war ein Traum, ein Sturm, eine Windsbraut, der auf dem Geräusch reitende Schwindel, ein auf dem Kreuz eines Flügelrosses angeklammerter Dämon, ein seltsamer Centaur, halb Mensch, halb Glocke.

Victor Hugo, Der Glöckner von Notre Dame
 
Redaktion: je
Bilder: © picture-alliance/dpa (2)
Letzte Aktualisierung: 15.01.2010, 10:06 Uhr
 

 
Glocken - Klänge der Heimat
 
hr-online enthält Links zu anderen Internetangeboten. Wir übernehmen keine Verantwortung für Inhalte fremder Webseiten.
SZM-Daten dieser Seite