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Landtagswahl in Hessen
26.08.2013

Webwahl (1)

Die Vermessung des Blablas: Wahltexte im Test

Wahlwal - der Twitter-"Failwhale" im Hessenwahl-Design mit Parteitwittervögelchen.  (Bild:  hr-online)
"Wahlprogramme. Das Papier nicht wert, auf dem sie eh keiner mehr ausdruckt." Klar, mit dem Vorurteil sind wir schnell bei der Hand. Aber stimmt es auch? Messen wir mal mit Tools aus dem Netz nach.
 
Von Jan Eggers, hr-online

Aber erst einmal herzlich willkommen in dieser kleinen Kolumne. Hier will ich mich regelmäßig umschauen, was die politischen Akteure so im hessischen Netz tun, und es würde mich freuen, wenn Sie mich dabei ein Stück begleiten. Immer dienstags, donnerstags und samstags übrigens, aber jetzt genug der Werbung, wir sind ja heute wegen etwas anderem hier: der Blabla-Messung in den Wahlprogrammen. Und da ist viel Blabla. Sage nicht ich, sagt die Wissenschaft.

Immer unverständlicher, sagen die Forscher

Gerade erst hat ein Forschungsprojekt an der Uni Hohenheim untersucht, wie verständlich die aktuellen Wahlprogramme sind. [Das Urteil fällt vernichtend aus]: Seit 2009 sind die Programme der Bundesparteien im Schnitt noch einmal deutlich unverständlicher geworden, und schon damals waren sie nur wenig klarer als die durchschnittliche politologische Doktorarbeit. Allenfalls die Union hat ihre Programme klarer gefasst als vor vier Jahren, der Union bescheinigen die Forscher noch die vergleichsweise beste Verständlichkeit. "Eine verpasste Chance für mehr Transparenz und Bürgernähe" nennt das der Studienleiter Professor Brettschneider.

Natürlich hätte mich auch interessiert, was die Kommunikationswissenschaftler nun zu den Hessenwahl-Programmen sagen, aber daran forschen die Forscher noch. Macht aber nichts: eine einfache Verständlichkeitsmessung kann man sich mit kostenlosen Werkzeugen aus dem Netz selber bauen.
 

Nebeldichten- und Bullshit-Messung

Diese zugegebenermaßen nicht ganz so streng wissenschaftlichen Werkzeuge bieten sich an:

  • [wordle.net] ist zu Recht beliebt, inzwischen sogar bei den Parteien: aus langen Texten werden Wortwölkchen, die häufigen (und deshalb zentralen) Begriffe stechen sofort heraus.

    Machen wir! Dabei habe ich mich auf die Einleitungen beschränkt - aus der Überlegung heraus, dass die Parteien bei ihren Absichtserklärungen vielleicht noch am verschwurbelsten sind. Ich will schließlich Blut sehen.
 

Eingedampfte Versprechen: Die Präambeln der Parteien in Wortwölkchen 

 
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  • [Stilversprechend] errechnet den so genannten Flesch-Wert eines Textes: Je höher, desto verständlicher. Ein Flesch-Wert von 0 zeigt undurchdringlichen Wortnebel an, 100 heißt: so klar wie möglich.

    Das 1. Kapitel der Schöpfungsgeschichte in der Luther-Bibel erreicht einen Flesch-Wert von 86, die US-Verfassung ("Wir, das Volk") 50, die Einleitung des Kommunistischen Manifests 44 - ein Pressetext der Deutschen Bank zum Geschäftsbericht 41.

  • [Das Schreiblabor] liefert - neben einem etwas anders berechneten Flesch-Wert - noch eine Einschätzung: Wie viele Jahre hätte ich zur Schule gehen müssen, um diesen Text zu verstehen?

    (Nach dieser so genannten "Wiener Sachtextformel" braucht man für die übersetzte US-Verfassung 14 Jahre Schulbildung - also bitte erst im 2. Semester lesen.)

  • [Das BlaBlaMeter] ist wunderbar einfach, wenn auch ziemlich undurchsichtig: Einfach einen nicht zu langen Text einkopieren - und das Programm berechnet einen "Bullshit-Index" zwischen 0 und 1.

    Die Vergleichswerte: Luther-Bibel 0,01; Einleitung der US-Verfassung 0,18; Banken-Pressemitteilung 0,44; Kommunistisches Manifest 0,64. (Nimm das, Marx - besiegt von den PR-Drohnen einer Bank.)

    Ein hr-online-Artikel mittlerer Art und Güte liegt übrigens bei 0,25.

 

Die Ergebnisse

Und das hier lese ich aus meinen Analysen heraus:

  • Einige Parteien kreisen ganz schön um sich selbst. Die simplen Wortwolken bestätigen die Befunde der Hohenheimer Forscher: "Piraten" ist das zentrale Wort in der Präambel der Piraten; die eigene Partei und ihre Mitglieder sind auch ein zentraler Begriff für SPD und Linke. Bei der Linken fällt mir wiederum die prominente Erwähnung der SPD ins Auge.


  • Die Programme der etablierten Parteien sind besser als ihr Ruf. Der durchschnittliche "Flesch-Wert" für die sechs von mir untersuchten Parteiprogramm-Präambeln liegt bei 52,8. Am verständlichsten sind in Hessen Einleitungstexte von FDP und Grünen (57), danach kommen CDU (53), SPD (51) und Linke (46).

  • Auch die Bullshit-Werte sind ganz okay. Er liegt für die etablierten Parteien zwischen 0,22 (Grüne) und 0,34 (CDU) und damit im für mich akzeptablen Bereich.

  • Die ambitioniertesten Neuankömmlinge müssen dagegen noch feilen: Die Piraten liegen bei einem Flesch-Wert von 39 oder - mit dem anderen Messinstrument gemessen - 14 Jahren Schulbildung, die man braucht, um den Text zu verstehen.

    Die Alternative für Deutschland (AfD) läuft ein wenig außer Konkurrenz. Sie kann kein Wahlprogramm bieten - dafür hat die Zeit vor der Wahl nicht gereicht - sondern nur "Leitlinien". Die haben zwar auch eine Präambel, aber die ist zu kurz für eine Analyse. Also habe ich verglichen, was man eigentlich nicht vergleichen kann, und den gesamten Text der "Leitlinien" in die Analyse gespeist. Er hat die, neben der Piraten-Präambel, niedrigste errechnete Verständlichkeit: ein Flesch-Wert von 37 - oder 13 Jahre Schulbildung.


Soweit meine kleine selbst gekochte Analyse - mehr, wenn die richtigen Wissenschaftler mit ihren Verständlichkeits-Messungen durch sind.

Übrigens: Grüne und SPD bieten Kurzfassungen ihrer hessischen Programme in so genannter "Leichter Sprache" an. Deren Flesch-Wert liegt bei 75 bis 77. Vielleicht wäre es gar nicht so dumm, Parteiprogramme immer in Leichter Sprache zu veröffentlichen? Oder, wie die Linke, [das Wahlprogramm wenigstens auf Hessisch laut lesen zu lassen] - da hören sich auch vielsilbige Substantivmonster viel angenehmer an. Oder sie verursachen dem Vorlesenden einen Knoten in der Zunge - das führt dann zu inkrementellen Lerneffekten. Oder besser gesagt: Alles wird gut.

Deine Meinung und Deine Lesetipps an @JanEggers auf Twitter oder hier in die Kommentare.
 
Wahlprogramme in Form!
Dass niemand wirklich Wahlprogramme liest, hängt auch damit zusammen, dass es sich um ganz schön lange, dicke Texte handelt - weshalb meine Kollegen hier bei wahl.hr-online.de sie nach Themen gegliedert und aufbereitet haben. In der [Wahlkampfarena] kann man die Positionen der Parteien gegenüberstellen und vergleichen.
 

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Redaktion: je
Bild: © hr-online
Letzte Aktualisierung: 27.08.2013, 19:50 Uhr

Ihr Beitrag

Stimmt. Unsinn. Naja.

I.H. am 31.08.2013 11:19
Na, Herr Halpap, da sind Sie als Basispirat echter Politiker. Viel Text, leider am Thema vorbei. Hier geht es um Fotos und nicht um Werbung fü... [+]
Henning Halfpap am 27.08.2013 21:15
Ich bin zwar Basispirat, aber dies hier ist meine persönliche Meinung. Ich weiß, wieviel Arbeit in die Programme der Piraten geflossen i... [+]
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