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9.01.2009

Falsche Wahlkämpfer bei "Twitter"

Wenn Koch Ypsilanti tröstet

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Mag sein, dass SPD-Kandidat Thorsten Schäfer-Gümbel mit seinem Internetwahlkampf Neuland erkundet: In einem Punkt ist ihm sein Konkurrent Roland Koch weit voraus: Im Kurznachrichten- Netz "Twitter" war er lange vor Schäfer-Gümbel präsent – allerdings als Fälschung.
 

Hintergrund

Was ist Twitter?

Der Kurznachrichtendienst Twitter beschränkt alle Nachrichten auf die Länge einer SMS - Telegramme zur Lage der Person. Aber man kann über Twitter auch ein Netz von Kontakten bilden - und sich über die Kurzbotschaften blitzschnell einen Eindruck verschaffen, was in diesem Netzwerk Thema ist.

Die Wahlredaktion von hr-online ist bei Twitter unter dem Namen hronlinewahl präsent und nutzt den Dienst, um kurz und schnell über Lesenswertes zur Wahl zu informieren. Zu den Nutzern, die sich als Beobachter von hronlinewahl eingetragen haben, zählt als Nr. 100 auch Thorsten Schäfer-Gümbel - der echte.
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Von Jan Eggers

Der falsche Koch begann zu twittern, als der Kurznachrichten-Dienst noch lange kein Wahlkampf-Instrument war. Mit Ausnahme des dafür milde belächelten SPD-Generalsekretär Hubertus Heil twitterte damals praktisch kein Politiker – und so war es für die Twitter-Gemeinde offensichtlich, dass der Twitter-Koch nur ein schlechter Scherz sein konnte.

Den Rest sagten die Botschaften: "Na, Ypsi, alte Schachtel, du bist ja schlimmer als ein Kampfterrier" - Germanistikstudenten-Humor eben. Wenig komisch, aber eher harmlos; wenn der falsche Koch am Tag der vier SPD-Abweichler einer ebenso falschen Andrea Ypsilanti Trost twitterte, schlug das keine Wellen.
 

US-Wahlkampf machte aus Spaß Ernst

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Die Twitter-Seite von "rolandkoch" am 1.1.09
Aber dann gewann Obama, und alles wurde ernst. Im US-Wahlkampf entwickelte Twitter – das heißt auf deutsch übrigens: Zwitschern – politische Durchschlagskraft. Barack Obama mobilisierte über Twitter – und hörte aus dem Netz-Gezwitscher auch die Stimmungen und Ideen seiner Anhänger heraus. Twitter wurde zum mächtigen Instrument der politischen Kommunikation.

SPD-Kandidat Thorsten Schäfer-Gümbel hat davon gelernt – auch wenn die Netz-Verhältnisse in Deutschland lange nicht mit denen in den USA vergleichbar sind, ist das regelmäßig genutzte und gelesene Twitter-Konto Teil seiner Strategie, sich als Kommunikator neuen Typs zu präsentieren, der Botschaften nicht nur sendet, sondern auch empfängt.


Satire-Spezialisten schießen sich ein

Bei den Netznutzern hat Schäfer-Gümbel einen Achtungserfolg erzielt – und mit dem kamen die Parodisten. Unter dem Namen "tsghessenspd" – dem wirklichen Konto von Schäfer-Gümbel zum Verwechseln ähnlich – waren Botschaften zu lesen wie: "Mißverständnis! Habe Mutter gerade erzählt, daß ich öffentlich twittere und bis zu 300 Leute zuschauen – Ohrfeige erhalten!" Dahinter steckt allem Anschein nach das Satiremagazin "Titanic", das Fälschungen nicht scheut und einen boshaften Humor kultiviert.

Neben den Netznutzern wurde bald auch die Presseagentur dpa auf die Parodie aufmerksam – und bei der SPD hätten jetzt eigentlich alle Alarmglocken klingeln müssen. Hatte nicht erst im Herbst ein Stimmenimitator als falscher Franz Müntefering angerufen und Andrea Ypsilanti aufs Glatteis gelockt? Und hatten nicht Netzaktivisten in Australien eine falsche Ministerpersönlichkeit als Mittel verwendet, um gegen Zensur-Überlegungen der australischen Regierung zu protestieren?
 

Harmlos bis unkontrollierbar

Wer unter der Twitter-Tarnkappe steckt, ist nicht herauszulesen – und der amerikanische Betreiber von Twitter sichert sich über seine Nutzungsbedingungen ab: Die untersagen es, andere Twitterer zu verkörpern oder den Dienst für einen unautorisierten Zweck einzusetzen; anderenfalls kann das Konto gelöscht werden – das war’s. Eine Überprüfung der Person hinter dem Konto findet nicht statt und wäre auch nicht machbar: Twitter ist anonym, und das ist auch gut so.

Nun sind viele falsche Twitter-Personen harmlos. Gegen den User "jakobmierscheid" wird wohl kein Partei-Funktionär etwas haben. Hinter diesem Twitter-Konto steckt ganz offensichtlich nicht der Sozialdemokrat gleichen Namens – einfach, weil es ihn nicht gibt. Der Phantom-Parlamentarier Jakob Mierscheid, seit der Bonner Republik ein Witz unter Bundestagsabgeordneten, hat offenbar von einem traditionsbewussten Sozialdemokraten eine Internet-Identität bekommen.

Aber wie umgehen mit einem Konto wie "cducsu", das sich als Stimme der "CDU-Basis" präsentiert, fast jede Nachricht mit einem offiziell klingenden "Eine CDU-Meinung"? Hinter dem aber tatsächlich ein stellvertretender CDU-Ortsvorsitzender aus der Nähe von Potsdam steckt – der sich nicht scheut, den SPD-Spitzenkandidaten als "Gümbilanti" oder "Herr Schäfer-Lümmel" zu schmähen? Was, wenn jemand auf die Idee käme, sich bei Twitter als Stimme der CDU Hessen auszugeben?

"Grundsätzlich gilt erst mal das Recht auf freie Meinungsäußerung", antwortet Heike Dederer darauf, Pressesprecherin der CDU. Die Frage sei, ob die Äußerungen als offiziell missverstanden werden könnten. "Für den Fall, dass jemand versuchen würde, für den ganzen Landesverband zu sprechen, dann müssten wir das innerparteilich klären", sagt Dederer – und ist sich im klaren darüber, dass Namen und Adressen im Internet nun mal gelegentlich missbraucht werden. Damit müsse man in diesem Medium leben, und in Zukunft wahrscheinlich verstärkt. Gut findet sie es natürlich nicht.
 

Internet-Stratege predigte Gelassenheit

Thorsten Schäfer-Gümbel kennzeichnet seine Twitter-Seite jetzt mit dem Zusatz "Das Original"
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Thorsten Schäfer-Gümbel kennzeichnet seine Twitter-Seite jetzt mit dem Zusatz "Das Original"
Auch der falsche Schäfer-Gümbel löste bei der SPD auf Referentenebene Unruhe aus. Oliver Zeisberger urteilt dagegen über die Parodie: "Das ist eine Ehre". Der PR-Stratege koordiniert für die SPD den Internet-Wahlkampf. Zugegeben: die grobe Satire tut auch ihm weh. Aber er riet zur Ruhe. Das ist eben das Risiko der neuen Kommunikationswege, predigte er – und konnte sich durchsetzen: Schäfer-Gümbel reagierte über Twitter mit der Nachricht "Nur Gutes wird kopiert. Meist schlechter als das Original."

Die gelassene Reaktion des echten Schäfer-Gümbel scheint dem falschen Koch den Garaus gemacht zu haben: wer immer hinter dem Twitter-Namen steckte, hat kalte Füße bekommen, als die Geschichte vom falschen Schäfer-Gümbel publik wurde. Das Konto "rolandkoch" ist bei Twitter seit Freitag gelöscht.
 
Redaktion: je
 

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