hr-online Informationen aus Hessen
1.09.2009

Radioreporter im Ausnahmezustand

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Ein unbeschreibliches „Lichthupenkonzert“

Die Zeit nach dem 9. November erlebte ich in einem emotionalen Ausnahmezustand. Die Anspannung war riesig. Wir waren permanent im Einsatz und gleichzeitig total hochgepuscht. Die Menschen waren glücklich. Es entstanden aus dem Nichts Freundschaften mit wildfremden Menschen, die zum Teil über Jahre gehalten haben. Jedes Auto aus der DDR wurde im Westen mit Lichthupe begrüßt. Wir Wessis durften damals aber zunächst nur mit Visum rüber, und als ich kurz nach dem 9. November auf Recherche war, revanchierten sich die Thüringer mit einem unbeschreiblichen „Lichthupenkonzert“. Alles war so bewegend, so überladen mit Gefühlen, dass es eine echte Herausforderung war, objektiv zu berichten.

Der hr beschloss, Reporter in Erfurt zu stationieren, denn er wollte eine unabhängige Berichterstattung. Ich war von Anfang an durchgängig mit dabei und wurde Ende 1991 als letzter hr-Reporter aus Erfurt abgezogen. Besonders die technische Zusammenarbeit mit dem „Radio der DDR“ war bis zur Gründung des MDR komplizierter als man sich das heute vorstellen kann. Wenn ich einen Beitrag absetzen wollte, musste ich eine Leitung beantragen. Die wurde dann von Erfurt zur Außenstelle in Weimer geschaltet, von dort nach Ostberlin, von dort nach Westberlin und zum ARD-Sternpunkt in Frankfurt. Diese Leitung musste man jedes Mal wieder neu beantragen, und sie wurde per Hand freigeschaltet. Geklappt hat das fast nie, und ich musste jedesmal alle Schalt-Stellen einzeln abtelefonieren.
 
Ein journalistisch besonders spannender Moment war für mich die „Besetzung“ der Stasi-Zentrale in Eisenach. Hinter den Fenstern stand die Stasi, leichenblass und offenbar bewaffnet. Davor die Demonstranten. Die Angst war auf beiden Seiten deutlich zu spüren. Als ausgehandelt war, dass eine kleine Delegation in das Gebäude durfte, wurde ich mitgenommen. Als Westjournalist sorgten ich und mein hr-Mikro für ein bisschen Sicherheit. Die Gruppe durchsuchte das Gebäude. Im gesamten Haus waren hunderte Telefon-Abhöranlagen installiert und im Keller fanden wir am Ende eines langen, sehr schmalen und dunklen Gangs Gefängniszellen, unbenutzt. Als jemand eine Kiste öffnete und „Handgranaten!“ schrie, brach Panik aus! Am Ende entpuppten sie sich als Konservendosen.
 
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Redaktion: mad
Letzte Aktualisierung: 18.09.2009, 12:13 Uhr
 
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