hr-online Informationen aus Hessen
ARD.de Hilfe Feedback
 

Radio| Funkkolleg

7. Die erkaltete Moderne - Religion als Sinnressource? (Oder: Habermas und die Religion)

Jürgen Habermas (Bild:  picture-alliance/dpa)
Vergrößern
Jürgen Habermas
Die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon haben sogar philosophische Grundüberzeugungen erschüttert. Die Religion – war plötzlich wieder auf die philosophische Tagesordnung gesetzt worden.
 

Thema in

Sendungslogo
12.12.2009, 9:25 Uhr

Mehr zum Thema

hr-online ist nicht für den Inhalt externer Webseiten verantwortlich.

Links im WWW

Und das nicht von irgendjemandem, sondern vom Großmeister der kritischen Theorie, vom deutschen Vorzeigeintellektuellen linker Prägung, von Jürgen Habermas. In seiner spektakulären Rede aus Anlass der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2001 widmete er sich - wenige Wochen nach den Anschlagen vom 11. September - erstmals dem Thema "Glauben und Wissen".

Habermas, der sich schon einige Jahre zuvor in der Beschäftigung mit Fragen der Gentechnik auf leisen Sohlen der Religion angenähert hatte, konnte und wollte also bei seiner Ansprache dem Verhältnis von Religion, Säkularisierung und Gesellschaft nicht ausweichen. Seither hat sich der einflussreiche Philosoph in mehreren Vorträgen und Publikationen mit dem Thema Religion auseinandergesetzt.
 

Habermas: "Religiös unmusikalisch"

Wer jedoch in Habermas Schriften eine ausgearbeitete philosophische Gotteslehre oder eine neue Grundlegung der Metaphysik sucht, wird enttäuscht. Jürgen Habermas ist durch und durch ein Gesellschaftstheoretiker, dem es um die philosophisch-sozialwissenschaftliche Grundlegung einer freiheitlichen, liberalen und rechtsstaatlichen Demokratie geht. Er bezeichnet sich sogar selbst – mit einem Zitat des Heidelberger Soziologen Max Weber - als "religiös unmusikalisch", als jemanden, für den die eigentlichen Glaubensinhalte der Religion existentiell fremd bleiben.

Habermas geht es deshalb um den gesellschaftlichen Ort und die Aufgabe der Religion. In einer liberalen Demokratie erklären Philosophen den Menschen nicht, wie sie leben sollen, und halten sich mit ethisch-moralischen Vorgaben eher zurück. Was Habermas dagegen interessiert, sind die "Spielregeln", wie Menschen in demokratischen Systemen zu Übereinstimmungen gelangen, die für den politischen Prozeß tragfähig sind. Dies geschieht durch den Diskurs, also durch Kommunikation.
 

Religiöse Gruppen treten immer selbstbewusster auf

Es geht also um Kommunikationsprozesse, die zu demokratisch legitimiertem, politischem Handeln führen. Dazu ist Religion zunächst nicht notwendig. Sie kann aber eine Sinnressource und eine Handlungsmotivation sein, die auch und gerade für die Demokratie fruchtbar gemacht werden kann.

Habermas ist sich wie viele links-liberale Intellektuelle seit Ende der 1990er Jahre und wohl spätestens mit dem 11. September im Klaren, dass die Moderne kein Weg in eine säkularisierte Einbahnstraße ist. Die Kirchen mögen in Westeuropa über Jahrzehnte viele tausend Mitglieder und politischen Einfluß verloren haben. In anderen Teilen der Welt sieht es anders aus. Und mit dem selbstbewußteren Auftreten von islamischen Minderheiten, die sich keinesfalls leichthin unter dem Stichwort Fundamentalismus subsumieren lassen, hat sich die Diskussionslage auch in Mitteleuropa verändert.
 

Zeitalter der postsäkularen Gesellschaften

Habermas spricht deshalb – ähnlich wie der amerikanische Soziologe José Cassanova – davon, dass wir in postsäkularen Gesellschaften leben. Diese postsäkularen Gesellschaften haben sich auf das Fortbestehen religiöser Gemeinschaften in einer sich fortwährend säkularisierenden Umgebung einzustellen.

Anders ausgedrückt: Sowohl die Gläubigen und ihre Organisationen als auch die per se säkulare Gesellschaft sind in einem ständigen, offenen und wechselseitigen Prozeß begriffen. Beide Seiten treiben einander an, beeinflussen sich gegenseitig, ringen nach mehr Einfluß. Mal tritt die eine Seite stärker in Erscheinung, mal die andere. Der moderne Säkularisierungsprozeß enthält damit eine neue Deutung: Er wird als doppelter Lerneffekt gesehen, der die Traditionen der Aufklärung ebenso wie theologisch-religiöse Vorstellungen zur Reflexion über ihre jeweiligen Grenzen nötigt.

Von Roland Löffler
 
Redaktion: kim
Bild: © picture-alliance/dpa
Letzte Aktualisierung: 26.02.2010, 12:43 Uhr
 
 

Fachtagung

Medientag 2014 im hr

Auch in diesem Jahr können Lehrkräfte aus ganz Hessen wieder einen umfassenden Einblick in die Welt der Medien erhalten. Hier anmelden! [mehr]
 

Leben, Liebe, Leid

1914 in Hessen

Wir blicken 100 Jahre zurück auf 1914, das Jahr in dem der Erste Weltkrieg begann. An Beispielen aus Hessen zeigen wir, was die Menschen des Kaiserreichs bewegte. Eine wertvolle Ergänzung zum Schulwissen Geschichte. [mehr]
 

ARD Radionacht

"Flossen hoch!"

Zum 8. Mal laden die Kinderradioredaktionen der ARD zu einem besonderen Hörerlebnis ein. Fünf Stunden unter Wasser ohne nasse Füße. [mehr]
 

Kinderfunkkolleg

Musik

"Warum mögen wir Musik und ist sie eine andere Sprache?" [mehr]
 

Für Lehrer

Bildungsserver Hessen

"Wissenswert"-Archiv für Lehrer und Schüler [mehr]
 

Arbeitskreis

Rundfunk und Schule

Der Arbeitskreis "Rundfunk und Schule" verbindet hr, Ministerium und Schule.
Termine Fachgruppentreffen [mehr]
 

Stiftung Zuhören

Ohren auf!

Projekte und Fortbildunge für bewusstes Zuhören finden Sie hier. Aktuell: Bewerbung für Medienkompetenzprojekt "Earsinnig hören!". [mehr]
 
hr-online enthält Links zu anderen Internetangeboten. Wir übernehmen keine Verantwortung für Inhalte fremder Webseiten.