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In dem Fotobuch sind Schwarz-Weiß- Fotos aus den 80er Jahren versammelt, Porträts zumeist: Arbeiter an einer Bockwurstbude, traurige Punks, eine alte Frau, verloren in der Neubauwüste von Leipzig-Grünau. Es sind Dokumente aus den letzten Jahren der DDR. Man spürt: Der Fotograf aus der Fremde hat Sympathie für die Leute, weniger aber für das System.
Leipzig: Düster, aber friedlich
Information
Buchtipp:
Dabdoub, Mahmoud
"Alltag in der DDR"
Fotos aus den 80er Jahren
Passage Verlag, Leipzig 2003
160 Seiten, 19,80 Euro
ISBN 3932900731
Mahmoud Dabdoub wurde 1958 in einem palästinensischen Flüchtlingslager in Baalbek, im Libanon, geboren. Nach der Schule und dem Abitur suchte er sich eine Anstellung in einem palästinensischen Kulturbüro in Beirut. Er konnte gut zeichnen und wollte "unter Künstlern sein". Zufällig bekam er einen alten "Praktika"-Fotoapparat in die Finger und machte damit seine ersten Fotos über den Alltag im Flüchtlingslager.
Jedes Jahr stellte der "Verband Bildender Künstler" der DDR fünf Studienplätze für die PLO zur Verfügung. Einen davon sollte Mahmoud Dabdoub bekommen. Was er studieren wollte, wusste er noch nicht irgendwas mit Kunst. Am 11. September 1981 kam er gemeinsam mit anderen auserwählten Palästinensern nach Leipzig, im Gepäck die alte "Praktika" und seine Bilder aus den Flüchtlingslagern. Die Stadt erschien ihm düster und irgendwie ärmlich. Aber - und das war für Mahmoud entscheidend sie war friedlich.
"Warum studierst du nicht Fotografie?"
Mahmoud Dabdoub ging zunächst ans "Herder-Institut", um Deutsch zu lernen. Nur vier Wochen später machte er seine ersten Bilder in Leipzig - Annäherungen an die noch fremde Umgebung. Im Institut zeigte er die Bilder aus Baalbek. Seine Lehrerin fragte: "Warum studierst du nicht Fotografie?" 1982 bewarb sich Mahmoud Dabdoub an der "Hochschule für Grafik und Buchkunst" und wurde angenommen.
Mahmoud Dabdoub fotografierte wie besessen über 15.000 Fotos entstanden bis zum Ende seines Studiums. Dass er eindeutig als Ausländer zu erkennen war, hatte ihm die Arbeit nicht erschwert, ganz im Gegenteil. Oft hatte er den Eindruck, dass gerade dieser Umstand die Leute unverkrampfter vor seine "Praktika" treten ließ. Er fotografierte Kohlenträger, Verkehrspolizisten, Punks und aufgehübschte Blondinen vor verwitterten Fassaden. Und immer wieder alte Frauen und spielende Kinder zwischen Mülltonnen und Teppichklopfstangen.
Wichtiger Bestandteil der Leipziger Kunstszene
Der staatenlose Palästinenser genoss ein großes Privileg: für ihn gab es keine Grenze. Mahmoud Dabdoub reiste in den Libanon, nach Griechenland und über Weihnachten nach Westberlin, wo sein Bruder wohnte. An ein Fortgehen aus der DDR aber dachte er keinen Augenblick. In Leipzig fühlte er sich geborgen. Er hatte viele Freunde und war aus der Studenten- und Künstlerszene der Stadt nicht wegzudenken. Überall war er dabei der junge Mann im Jeansanzug, dem weißem Hemd und der umgehängten "Praktika".
Einladung nach Köln
Nach dem Studium arbeitete Mahmoud Dabdoub in der DDR als freier Fotograf. Für seine Fotos aus palästinensischen Flüchtlingslagern bekam er internationale Preise. Die Fotos über den Alltag in der DDR aber behielt er für sich. Er fürchtete Kritik von Kulturfunktionären.
Im Sommer 1989 erhielt er eine Einladung eines Kölner Galeristen zu einer Ausstellung seiner Palästina-Fotos. Mahmoud Dabdoub sagte sofort zu. Im September 1989 fuhr er nach Köln.
Am Nachmittag des 9. November kehrte Mahmoud Dabdoub in die DDR zurück. Er besuchte eine Freundin in der Oderbergerstraße im Ostberliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Am Abend hörten sie in den Nachrichten: Die Grenze ist offen.
Daheim in der Fremde
Auch nach dem Untergang der DDR dachte Mahmoud Dabdoub nicht daran, sein Gastland zu verlassen. Gemeinsam mit seiner palästinensischen Frau und drei Töchtern lebt er im Leipziger Süden. Mit der Wende wurde Mahmoud Dabdoub "Migrant" in Leipzig. Mittlerweile besitzt Mahmoud Dabdoub einen deutschen Pass und fühlt sich "daheim in der Fremde".
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